Cay Bummeldienst am Schwarzen Meer

Aus der Türkei

29.09.2015

Als ich in die Türkei hineinfahre, will jeder Grenzbeamte meinen Pass anfassen. Also 4 Leute an unterschiedlichen Buden. Dazwischen laufen auf dem Gelände viele große Hunde. Keine Ahnung, was die hier machen, ob das Drogenhunde sind? Jedenfalls sind die Beamten sehr nett und lachen mit mir. Der letzte Beamte, der meinen Pass knetet, findet mich very beautyful und fragt mich, ob ich gar keine Angst hätte. Als ich verneine und ihn frage: „Sollte ich?“ macht er große Augen, nickt und sagt ein langgezogenes Jahaa. Ich lache automatisch und nachdem wir uns verabschiedet haben, findet er mein Haar auch noch very beautiful. Oh vielen Dank, dann kanns ja losgehen.

In der ersten Stadt bekomme ich eine uralte Straßenkarte von dem Mann aus dem Bonbonladen geschenkt, die er irgendwann einmal aus einer Zeitung herausgenommen hat. Sie leistet mir gute Dienste bis nach Georgien. Ich werde sofort zum Cay eingeladen und schon beginnt der Bummeldienst.

Turkiye Turkiye – über einen Monat bleibe ich in diesem interessanten Land. Die Türken laden mich zum Bummeln ein. Und ich nehme gerne an. Es ist einfach nicht möglich, schnell durch das Land zu fahren. Überall werde ich zum Cay eingeladen. Das ist der türkische schwarze Tee, der in der Gegend vom Schwarzen Meer angebaut wird. Cay wird hier für Freundschaft getrunken und jede Tasse festigt die Freundschaft für ein Jahr, sagen die Türken. So kann ich unmöglich eine Einladung zum Cay – trinken ablehnen und davon gibt es viele.

In Istanbul ist es wie in jeder anderen Großstadt ein bisschen anstrengend zu fahren, aber die Horrorgeschichten der anderen Radfahrer bestätigen sich nicht. Ich komme gut durch die Stadt und lasse mein Rad im Bisiklet Geszgini, Istanbul durchchecken. Da mein Rad bereits 10.500 km auf der Uhr hat, bekommt es einen neuen Antrieb. Leider muss ich auch neue Felgen kaufen, weil ich zu harte Bremsschuhe drauf hatte und die Flanken durchgebremst sind.

Die Reparatur dauert also ein bisschen länger und so habe ich noch genügend Zeit, mir Istanbul anzuschauen. Im veganen Mahatma Café treffe ich Atakan. Er ist ein veganer Sportler und Tierrechtsaktivist, hat einen großen veganen Freundeskreis und teilt sein Wissen gerne und viel. Jeden Tag läuft er und macht Yoga, bevor er zur Arbeit geht. Er ist gesund und fit. Im Mathatma wird alles jeden Tag frisch zubereitet. Zur Zeit ist es das einzige vegane Restaurant in Istanbul, aber in Kürze wird ein weiteres in der gleichen Straße eröffnet. Die vegane Szene wächst wie überall und viele Restaurants haben neben herkömmlichen Standartessen auch veganes Essen im Angebot. Sojaprodukte habe ich überhaupt keine im ganzen Land gesehen.

Das typische türkische Frühstück ist übrigens Brot mit Tomaten, Paprika, Oliven, Marmelade, Gurken, Nüsse, Helva, Butter und Käse. Alles wird in kleinen Schälchen auf dem Tisch verteilt und jeder bekommt eine Gabel. Dann pickt sich jeder das vom Tisch, was er gerne möchte. Dazu gibt’s ne Menge Cay. Toll. So frühstücke ich gerne mit den Leuten.

Weil ich als Radfahrer viel esse und natürlich auch direkt auf der Straße, sehen mich viele Menschen beim Essen. Ich bin überrascht, wie viele Menschen mich hier füttern. Sobald mich Leute essen sehen, geben sie mir noch etwas dazu. Einmal hält ein Wagen an und eine ältere Dame steigt aus, um mir eine große Handvoll Trauben zu geben, einmal bekomme ich einen großen Salat mit einem Becher Cola von einer jungen Frau, einmal gibt’s Brötchen, einmal Brause, ein paar Mittagessen, unzählige Frühstücke und tausendmal Cay. Essen und Trinken für Reisegeschichten, ein Händeschütteln, ein Foto. So läuft das hier. Die Leute sind sehr interessiert und wahnsinnig nett.

In den Bergen kann ich hier sehr gut in den Wäldern schlafen. Allerdings ist gerade Erntezeit und überall sind Leute, die mich quasi ins Bett bringen und es wird in der Nacht geschossen. Ich freue mich dann immer, dass ich liege, denn so kann ich von einem Querschläger eigentlich nicht getroffen werden. Eine andere sehr gute Schlafmöglichkeit sind Tankstellen. Sie sind sehr gut ausgestattet, haben Wasser, manchmal auch Strom und immer bekommt man zum Abend noch ein paar Tassen Cay und nette Gespräche mit den Leuten. In den Dörfern gibt es keine Tankstellen, dafür aber Cay-Salonus, in deren Gärten ich auch übernachten darf. Klasse.

In der Nähe von Caychuma sitze ich in einem Cafe, in deren Garten ich übernachten darf, als mir ein Herr ein Telefon in die Hand drückt. Am anderen Ende ist eine deutschsprechende Dame, die mir erklärt, dass der Herr mit Bart ihr Mann ist und ich ihn doch bitte begleiten soll. Ihr Haus ist 50 Meter weiter. Das mache ich und als ich dort ankomme, sitzt die komplette Großfamilie mit Oma, Opa, Tante, Onkel, Enkel und alle um einen Tisch herum. Ich bekomme viele Früchte zu essen und für die Nacht das Gästehaus zum Schlafen. Wow.

Auf einem Campingplatz in Amasra lerne ich eine Horde Jungs kennen, die das ganze Wochenende mit mir Zeit verbringen. Wir essen gemeinsam, erzählen uns Geschichten und irgendwie können alle Gitarre spielen. Jedenfalls sitzen wir lange zusammen, die Gitarre wird hin- und hergereicht und alle singen die neuesten türkischen Popsongs. Wunderbar. Eine schöne Zeit.

Die türkische Schwarzmeerküste ist zwischen Sile und Sinop aber auch sehr hart zu fahren. Es geht die ganze Zeit immer hunderte Höhenmeter steil bergauf und wieder runter auf Null. Ich hänge jeden Tag an harten Steigungen im Berg und es ist wirklich anstrengend. Das Erfolgserlebnis, was man an einem richtigen Berg hat, weil man immer nur rauf fährt, bleibt aus, weil man immer wieder auf null runter fährt. So hat man zwar pro Tag auch viele Höhenmeter gesammelt, aber die zählen nicht. Als ich in Sinop angekommen bin, brauche ich erst einmal Urlaub vom Urlaub. Ich kann die Berge nicht mehr sehen und verkrieche mich 3 Tage lang in einem kleinen rosa Zimmerchen mit Internet in einer billigen Pension. Am dritten Tag mache ich sogar die Vorhänge auf und freue mich darauf, am nächsten Tag weiterzufahren.

Dann bin ich noch für 2 Tage die kleine Schwester in einer türkischen Familie. Sie nehmen mich sehr liebevoll auf und wir haben tolle Gespräche über Gott und die Welt. Zum Abschied schenken mir neben vielen schönen Dingen eine Gebetskette aus Mekka. Für Nicht-Muslime ist das Betreten Mekkas verboten, so daß das ein richtig großes Geschenk für mich ist. Oma übt auch gleich die richtige Anwendung mit mir. Ich freue mich wahnsinnig. So eine Gebetskette hat 99 Perlen, weil Allah 99 weitere Namen hat. Und dann gibts noch Kaffeesatz - Lesen. Sie sagen mir die Zukunft voraus. Ich werde gesund wieder nach Hause kehren. Und im Kaffeesatz steht auch, dass ich vermutlich beklaut werde, aber das ist mir egal. Gesund und glücklich ist wichtiger als materielle Dinge.

Einen Tag, bevor ich nach Georgien reise, werde ich von einem Straßenpolizist kontrolliert. Er fragt mich woher und wohin und warnt mich vor meinem neuen Reiseland. Es sei gefährlich und sie würden mich dort umbringen. Um seine Worte zu unterstreichen, fährt er mit dem Finger über seinen Hals.

Netter Versuch, aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich freue mich auf Georgien.




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