Organic Farming in Punjab und Dr. Vandana Shiva

Indien

07.02.2016

In Indien gibt es alles und davon ganz viel. 1,3 Milliarden Menschen, viel Traffic, viel Religion, viel Natur, viele Farben, viel Lärm. Die Inder sind nie allein. Der Familienverbund ist stark und jeder sorgt sich um den anderen. Also auch um mich, weil es viel schöner ist, wenn man nicht allein ist. Mein erstes Ziel in Indien ist Amritsar und der Goldene Tempel der Sikhs.

Die Tempel der Sikhs werden Gurudwara genannt und in Amritsar ist der größte und wichtigste ihrer Tempel. Jeden Tag kommen über eine Million Menschen hierher und essen Langar. Die kostenlose Speise, die die Sikh an alle Menschen verteilen, die zu ihnen kommen. Das Essen findet auf dem Boden in einer Reihe statt, weil die Sikh glauben, dass alle Menschen gleich sind. Hier in der Essenshalle auf dem Boden in einer Reihe werden alle Menschen gleich gemacht. Mir gefällt das. Die Sikh leben vegetarisch, tragen Armreifen aus Eisen, der sie daran erinnern soll zu geben, statt zu nehmen. Sie tragen unter ihrem Turban ihr langes, gepflegtes ungeschnittenes Haar. Manche haben im Turban auch einen Eisenring, der sie vor Angriffen schützen soll und sie haben stets ihren Dolch dabei, um sich und andere zu beschützen. Damit kommt die komplette Sikh – Familie übrigens auch durch die Sichereitskontrolle einer Shopping – Mall, weil alle die Sikh respektieren und sich keiner traut, ihnen ihre Waffen zu nehmen.

Als ich in Ludhiana ankomme, treffe ich einen Sikh auf einem Motocycle. Er begleitet mich ein Stück und wir reden und lachen. Es stellt sich heraus, dass er ein Organic Farmer ist und lädt mich zu sich nach Hause ein, damit wir nächsten Morgen die anderen Farmer zu einer Konferenz einladen können. Ui, die Idee gefällt mir und so folge ich also dem Mann mit dem roten Turban. Als wir bei ihm zu Hause ankommen, fährt er einfach mit seinem Motocycle in sein Haus hinein. Ich bin überrascht, aber ich freue mich, dass mein Fahrrad auch mit ins Haus kann. Die ganze Familie sitzt in einem riesigen Bett und sieht fern. Ich werde ebenfalls aufgefordert, ins Bett zu kommen. Das mach ich auch und es ist irre gemütlich. Wir sitzen alle zusammen im Bett und essen und reden und die Glotze läuft.

Nächsten Morgen stehen alle Nachbarn um das Bett herum. Jeder kommt einfach rein und alle reden wild durcheinander, Mama macht Frühstück und alle freuen sich, dass ein "English–People" im Dorf ist. Danach gibt’s die Konferenz mit den Männern des Dorfes, die alle Farmer sind. Am Ende sind sich alle einig, dass sie ab diesem Jahr ebenfalls Organic Farming machen wollen. Nach einem kleinen Rundgang durch das Dorf gibt es noch eine Konferenz mit den Frauen, weil sie ja die Männer unterstützen sollen. Auch die Frauen finden mein Projekt toll und verstehen, dass sie die Verantwortung für ihre Kinder haben, ihnen gutes Essen und eine saubere Umwelt zu geben.Ich unterstütze die KVM, eine Non Profit Organisation für Organic-Farming. In diesem Rahmen besuche ich viele Dörfer, in denen sie nicht nur Organic-Farming, sondern auch Kitchen–Gardening verbreiten. Die Frauen in den Dörfern unterstützen damit ihre Familien und produzieren Organic Food für die Familie. Die vielen Ortsgruppen treffen sich regelmäßig und werden über Zero–Cost-Farming informiert. Da die meisten Farmer in Indien nicht reich sind, ist das richtig gute Arbeit.

Die nächsten Tage gebe ich mehrere Fernseh- und Zeitungsinterviews. Die Leute finden mein Projekt und die vegane Lebensweise spannend und respektieren mich dafür. Ich bin eine Woche lang jeden Tag im indischen Fernsehen auf mehreren Kanälen zu sehen und auch die Zeitungen bringen Fotos und Interviews in den überregionalen Tageszeitungen von mir. Die Leute erkennen mich auf der Straße und freuen sich, mit mir zu reden und Fotos zu machen. Der Wahnsinn. Ich bin gerührt und dankbar für diese Aufmerksamkeit.

Ich spreche mit über 5.000 Menschen über Veganismus, Organic-Farming, Bad Business. Ich werde in Schulen eingeladen und halte Vorträge vor allen Schülern und Lehrern, mache Lehrer–Teaching, spreche in Gurudwaras zu den Menschen und darf sogar im Rahmen des World Daughter Day einen Vortrag halten. Es ist wahnsinnig spannend. Die Gurus segnen mich und schenken mir Dinge. Die Leute sind interessiert und am Ende sind wir uns immer einig, dass wir viele Menschen auf der Erde sind und jeder ein bisschen was tun kann, um das Bad Business zu zerstören, das unsere Erde kaputt macht. Es ist nämlich ganz leicht kein Fleisch zu essen und möglichst organic Food zu essen.

Zu dem Bad Business gehört auch genmanipuliertes Saatgut und Hybridsamen. In der Vergangenheit haben die Bauern einen Teil ihrer Ernte für das Folgejahr zurückbehalten, um neu aussäen zu können. Das geht mit den Hybridsamen nicht mehr. Große Firmen produzieren Hybridsamen, die nur eine Saison wachsen können und viel Pestizide und Chemiedünger benötigen, damit sie wachsen. Die Bauern sind somit in einer Falle. Wenn sie die alten Samen nicht mehr haben, dann müssen sie jedes Jahr neue Saat bei den Saatgutriesen kaufen und eine Menge Gift auf ihre Äcker geben. Das Gift geht nicht nur in die Erde, das Wasser und die Luft, sondern auch in die Pflanzen, die unser Essen sind. Wir werden krank davon.

Ich freue mich, dass in Indien Dr. Vandana Shiva den Farmern die alten Samen zurückgibt. Sie ist eine international anerkannte Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin, hat mehrere Bücher geschrieben und betreibt eine Organic-Farm in Dehradun, die Navdanja Farm. Als ich die Farm besuche, werde ich von ihrem Bruder, Mr. Meera Shiva und dem Team herzlich empfangen. Ich bekomme eine Menge Informationen über Organic-Farming und das 9–Saaten–Prinzip und darf nicht nur die ganze Farm besichtigen, sondern auch hier essen und schlafen. Die Menschen hier lernen viel von der Natur und nutzen unterschiedliche Pflanzen als Pflanzenschutzmittel. Es gibt Blumen wie Mangold oder Bäume wie Lahasunya, deren Blätter nach Knoblauch riechen. Manchmal werden verschiedene Saaten in einem Beet ausgesät, weil sie sich gegenseitig schützen, manchmal wird aus Pflanzen ein Sud hergestellt, mit dem die Saat besprüht wird. Wie in Deutschland sind die Leguminosen und Mikroorganismen zur Bodenverbesserung wichtig.

Gerade ist auch eine Gruppe Studenten aus Minnesota hier zu Besuch. Die jungen Leute lernen viel über Organic-Farming und haben jeden Tag Programm. Jeden Abend spielen die Arbeiter und Gäste auf der Farm Volleyball mit wechselnden Teams und danach sitzen alle am Feuerplatz. Sunny freut sich über viel internationalen Besuch. Er braucht gar nicht in die Welt zu ziehen, weil alle Leute aus der Welt zu ihm auf die Farm kommen.

Ganz in der Nähe von Dehradun ist auch Rishikesh, ein Ort der Ruhe am Ganges, an dem schon die Beatles im Ashram meditiert haben. Wenn man im Ganges badet, kann man sich von seinen Sünden freiwaschen. Mir ist das aber jetzt zu kalt und so stecke ich nur meine Hände und Füße hinein. Teilreingung. Jetzt im Winter führt der Ganges nicht so viel Wasser, so daß man die Bestattungsplätze gut sehen kann. Jeder Hindu wird nach seinem Tod in seinem Bezirk am Ganges verbrannt. Manchmal werden nach der Verbrennung noch ein paar Knochen und Asche eingesammelt, um sie an noch heiligeren Orten wie Haridwar oder Varanasi mit einer Zeremonie in den Ganges zu geben.

Ich bleibe ein paar Tage länger bei meiner Lieblingsfamilie und bin mit ihnen auf eine Hochzeit eingeladen. Ich trage ein traditionelles Gewand mit Goldbrokat und hässliche Schuhe und freue mich riesig, dass ich dabei sein darf. Die Hochzeiten werden hier meist mehrere Tage gefeiert. Die ersten Tage feiern die Verlobten separat, am letzten Tag alle gemeinsam. Es gibt für die 200 Gäste viel zu Essen, ganz viel laute Musik, Tanz, Showeinlagen mit professionellen Tänzern, Trommelalarm, Feuerwerk und richtig viel Blingbling. Die meisten Hochzeiten sind arrangiert und Love–Marriages nicht geduldet. Die Eltern der Braut mieten ein Resort und schenken dem Brautpaar häufig ein Auto, mindestens aber ein Motocycle. Manchmal haben sie nicht so viel Geld und nehmen einen Kredit auf, den sie in den nächsten Jahren abzahlen.

Nach der Hochzeit bringt der Mann seine neue Frau nach Hause. Dort wird sie von der neuen Familie, allen Dorfbewohnern und mir herzlich empfangen. Unter lautem Trommelwirbel führt der Mann sie ins Haus. Wir setzen uns alle im Kreis auf den Boden, um eine Süßspeise aus Brot und Zucker aus einer Schale zu essen. Danach bringt die Schwester eine große Schüssel Reis. Ich ahne schon, dass dieser Reis ebenfalls geteilt wird, aber als Mutti den Reis mit den Händen umrührt, wird mir schon ganz anders. Das ist aber noch nicht alles. Jetzt stecken alle eine Hand in die Reisschüssel und ich werde aufgefordert, es auch zu tun. Oh Mann, habt Ihr Euch alle die Finger gewaschen? Danach wird der Reis noch einmal kräftig mit vollen Händen gerührt und mit den Händen an alle verteilt. Uuh der Reis in meiner Hand ist fettig und schmeckt scheußlich, aber ich habe keine Wahl. Der muss jetzt runter. Zum Glück darf ich danach noch ein bisschen Bhangra mit den Jungs tanzen. Ich fahre jetzt weiter nach Delhi. Eine aufregende Stadt in der es viel zu sehen gibt.




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