Mexico Mainland

08.03.2018

Ich habe also eine Einladung zum Segeln von dem Capitano, den ich in der Wüste getroffen habe. Als ich in La Paz bin und zur Marina gehe, um mir das Ganze mal anzuschauen, wird mir klar, dass ich doch nicht auf ein Segelboot gehen möchte. Am Eingang zum Hafenbüro finde ich ne Menge Aushänge von Leuten, die gerne eine Überfahrt von La Paz nach Mazatlan gegen Hilfe an Bord tauschen möchten. Ich fühle mich irgendwie nicht wohl bei der Sache und möchte niemandem auf seinem Boot ausgeliefert sein. Da ich eine alleinreisende Frau bin, könnte ich auch einen Aushang mit den Worten: "Hallo, mein Name ist Carmen und ich bin Dein Opfer." machen... Also lass ich das lieber bleiben und kaufe mir ein Ticket für die Fähre.

 

In der Wartezeit zelte ich auf einem Campingplatz in La Paz. Die 96jährige Besitzerin ist noch sehr fit und hat nur eine Putzfrau und einen Nachtwächter zur Hilfe. Sie war die erste Kapitänin von Mexico, weil ihr Mann ein begeisterter Tauchlehrer war. Die Beiden haben diesen Campingplatz aufgebaut und sind mit den Touristen mit dem Boot zum Tauchen rausgefahren. Sie oben an Bord, er unter Wasser mit den Tauchwilligen. Nach 72 Ehejahren ist ihr Mann gestorben und sie weint, als sie von ihm spricht. Wir einigen uns auf 100 Pesos pro Nacht für meinen Stellplatz, aber weil sie schon ein bisschen tüddelig ist, bin ich ein bisschen besorgt, dass sie unsere Abmachung vergisst. Jeden Tag bezahle ich 100 Pesos und jeden Tag erzählt sie mir, dass der Platz aber 600 kostet... Einmal zeigt sie mir alle Apartements auf dem Gelände und als wir zurück in ihrem Office sind, fragt sie mich, ob ich die Apartements mal sehen möchte. Ui, na klar. Also drehen wir die gleiche Runde noch einmal und sie erzählt mir exakt das Gleiche.. Ich fantasiere schon, wie ich mich hier mit der Polizei rumschlagen muss, weil sie vergessen hat, dass ich jeden Tag bezahlt habe, aber am Ende ist alles gut.

 

Das Festland von Mexiko ist nicht so trocken und grüner als die Baja California. Auch die Wasserversorgung ist nun einfacher und die Berge in Mexiko sind wirklich wunderschön. Die erste richtig schöne Stadt auf meinem Weg auf dem Festland ist Durango. Hier gibt es viele schöne Häuser, tolle Leute und das Hostel Casa de Bruno, in dem ich mich wirklich sehr wohl fühle. Weil das Paket, das ich vor 10 Wochen aus Tihuana nach Hause geschickt habe, immer noch nicht in Deutschland angekommen ist, bitte ich die Besitzerin des Hostels um Hilfe. Sie telefoniert 3 Tage mit unterschiedlichen Personen, um das Paket nach Durango zu holen. Das Paket war in der Zwischenzeit in Brasilien, Mexico City und anderen Städten in Mexico und liegt nun wieder in Tihuana. Nach 10 langen Tagen trifft das Paket endlich in Durango ein und ich kann es von der Post abholen. Es wurde nicht nach Deutschland verschifft, weil angeblich eine Flüssigkeit enthalten ist, was aber nicht stimmt. Egal, ich bezahle 230 Pesos und freue mich, dass ich mein Zeug wiederhabe.

 

In Zacatecas besichtige ich eine interessante Silbermine. Sie ist nicht mehr aktiv und wird nun als Informationszentrum genutzt. Ich fahre mit 20 anderen interssierten Besuchern mit einem kleinen Zug in den Berg. Kristalle und Metalle sind hier ausgestellt und ein Guide erklärt der Gruppe, wie hier damals gearbeitet wurde, als die Spanier das Land besetzt und ausgebeutet haben. Mit Puppen ist dargestellt, mit welchen einfachen Werkzeugen die harte Arbeit unter Tage von Männern und Kindern verrichtet wurde. Auf gefährlichen Affenleitern wurde das Erz auf dem Rücken tausender Kinder nach oben getragen. Viele Leute sind in dieser Mine gestorben. Es ist interessant und bedrückend und bestätigt mich wieder einmal in meiner Meinung, dass ich Gold, Silber und Edelsteine nicht mag. Es klebt einfach viel zu viel Blut daran. Auch heute noch arbeiten viele Kinder unter Tage, um Diamanten oder Edelmetalle zu schürfen.

 

Der Weg durch die Berge Mexikos ist wirklich schön. Der Wind kommt großzügig aus allen Richtungen und meistens scheint die Sonne. Es ist nicht zu heiss und ich genieße das fahren in dieser schönen Landschaft. Nachts schlafe ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in meinem Zelt in der Natur oder auch in verfallenen Häusern, die immer wieder am Wegesrand auftauchen. Anfangs fühle ich mich in den Ruinen nicht wirklich wohl, aber mit der Zeit gewöhne ich mich daran. Einmal baue ich mein Zelt versehentlich in der Nähe einer Disco auf und in der Nacht gehen ein paar betrunkene Männer in 2 Metern Entfernung an meinem Zelt vorbei. Ich höre sie schon von weitem langsam heranpoltern und liege stocksteif in meinem Schlafsack. Zum Glück bemerken sie mein Zelt nicht und ich bin sehr erleichtert, als sie sich langsam entfernen und ihre Stimmen leiser werden..

 

Ich werde bald wieder nach Deutschland kommen und auch wieder Triathlon machen. In Mexico City schaue ich mir nicht nur die Museen an, sondern starte auch langsam das Lauftraining. Das erste Mal Laufen nach 3 Jahren fühlt sich sagenhaft toll an und ich bin sehr glücklich. Meine Ausdauer ist tipp topp, weil ich die ganze Zeit Rad gefahren bin, aber die Knochen und Bänder müssen sich erst einmal wieder an das Laufen gewöhnen. 3 mal die Woche laufe ich ein paar Kilometer und jeden Tag mache ich Übungen für Rumpfstabi und Arme auf den offenen Sportplätzen der Stadt.

 

Die Mexikaner sind am Wochenende sehr aktiv und machen viel Outdoor Sport. Es wird Fußball auf der Straße gespielt, überall treffen sich Leute für Tai Chi und Tae Kwon Do und im Park gibt es Tanzlehrer, die zu lauter Musik Zumba und Bacchata lehren. Außerdem gibt es viele Ausstellungen zu allen möglichen Themen und die Leute demonstrieren fast täglich für ihre Rechte. Jeden Sonntag sind alle Hauptstraßen in Mexico City für Autofahrer gesperrt und die Radfahrer, Inlineskater und Jogger nutzen die Straßen in großen Gruppen und mit viel Gelächter. Die Mexicaner sind moderne Leute. In den Straßen gibt es sehr viele Buden mit Taco - Varianten aus Fleisch, aber auch Saft aus frischen Früchten und Eiscreme. Ich finde sogar ein paar vegane Restaurants und einen veganen Imbiss. Hier esse ich meinen ersten veganen Burger nach 3 Jahren.... was für ein Geschmackserlebnis.. haha. Manchmal ist Fast Food einfach lecker.

 

Das Hostel in Mexico City war früher mal ein Gefängnis und hat sehr dicke Wände, Eisengitter vor den Fenstern und Panzertüren mit High-Tech Überwachungsanlage. Nicht sehr gemütlich aber stabil. Als ich einen Abend beim Essen in der Küche sitze, wackelt mein Stuhl und es fühlt sich ein bisschen wie Schwindel an. Mein erster Gedanke ist, dass etwas mit meinem Körper nicht stimmt und ich nun sterben muss. Ich bin nicht aufgeregt und nehme das hin. Kurz darauf wird das Schwanken so stark, dass ich mich am Tisch festhalte und der ganze Raum schwingt. Nun ist mir klar, dass das nicht mein Körper ist, sondern der Raum. Also gehe ich aus der Küche um zu sehen, was die anderen Leute machen, aber die sind gar nicht mehr da. Ein Mann kommt die Treppe heruntergerannt und nimmt mich mit nach draußen. Dort stehen alle. Der Verkehr liegt lahm und alle Leute warten vor der Tür, dass das Erbeben vorbeigeht. Aus einem Taxi ist ein Radiosprecher zu hören, der von einem Erdbeben Stärke 7 spricht, aber zum Glück sind wir nicht im Epizentrum und ich bin froh, dass ich noch lebe.

 

In zwei Wochen fliege ich nach Paris. Von dort aus sind es ca. 1000 km nach Hause und ich werde keinen Strom und Internet auf meinem Weg haben, weil ich wieder im Gebüsch zelten werde. Ich freu mich auf die nächste Etappe.

 

 




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