Myanmar

27.01.2017

Ich fahre durch die Bergregion über die Grenze Mae Sot rüber nach Myawaddy. Myanmar ist wunderschön. Das Land ist grün, strahlend blauer Himmel überall Reisfelder, Menschen mit lachenden Gesichtern grüßen mich an jeder Ecke. Die Frauen tragen eine gelbliche Paste aus einer Rinde im Gesicht und leuchtende Longyi. Die Männer tragen als Beinkleid ebenfalls den Longyi. Das ist ein großes Tuch, was in vielen asiatischen Ländern unterschiedlich gewickelt wird. Hier in Myanmar tragen die Männer dunkle Farben mit Karomuster und machen den Knoten in der Mitte. In den kleineren Städten gibt es nur stundenweise Strom, in den Dörfern teilweise gar nicht. Über 70 % der Straßen ist nicht asphaltiert. Das Leben ist hart und schlicht in Myanmar.

Ich treffe den organic Farmer Soe Tin auf seinem Fahrrad. Als ich von hinten an ihn heranfahre sehe ich schon, wie er sein Haar ordnet. Ein sicheres Zeichen für ein nettes Gespräch. Als ich auf gleicher Höhe bin und ihn grüße, spricht er mich sofort mit einem breiten Grinsen an. Er hat eine kleine Familie und eine große Verwandtschaft in den verschiedenen Nachbardörfern. Sein Opa wohnt da hinten und nun kommt er gerade von seiner Tante, mit der er Tee getrunken hat. Jetzt ist er auf dem Weg zu seinem Feld, auf dem er Reis pflanzt. Er zeigt mir sein Feld, was direkt neben einer kleinen Pagode liegt. Hier wird einfache Landwirtschaft von Hand betrieben. Harte Arbeit in der Sonne Myanmars. Für jedes Reiskorn wird sich gebückt, die Bewässerungsgräben werden mit der Schaufel bearbeitet und geerntet wird mit der Sichel.

In Hpa An bleibe ich einen Tag länger, um die Stadt näher kennenzulernen und eine kleine Tempeltour zu machen. Also hocke ich morgens um 8 mit Christian aus Frankreich und Ricardo aus Spanien im TukTuk von Unguluu und lasse mich zu 7 Tempeln und Höhlen in der Region fahren. Ich hätte die Orte auch alle mit meinem Fahrrad besuchen können, aber heute will ich mal mit anderen Reisenden Quatsch machen. Also holpern wir gemeinsam über die vielen unbefestigten Wege aus rotem Sand durch die grüne Landschaft zu den Tempelanlagen. Es gibt heute 1 Million Buddhas für mich zu sehen, wunderschöne Pagoden, Mönchsstatuen und einen Wasserfall, der eigentlich gar keiner ist, sondern ein Planschbecken. Also lege ich Unguluu meinen Rucksack mit all meinen Wertsachen um und springe zur Freude aller in kompletter Bekleidung hinein. Herrlich erfrischt geht es zum Abschluss in die Bat – Cave. Hier kommen jeden Abend über eine Million Fledermäuse heraus und fliegen in einer wunderschönen Formation über den Fluss, bevor sie sich nach 2 Kilometern zerstreuen.

In Yangon leben 8 Mio Leute. Viele sind arm und müssen jeden Tag ums Überleben kämpfen. Es ist nicht leicht in Myanmar. Ich treffe einen Gitarristen im Park. Es ist interessant, wie er die Ukulele spielen kann und wir verbringen ein bisschen Zeit miteinander. Er zeigt mir auch, wie man Betelnuß kaut. Viele Leute kauen hier diese Nuß, die mit weißem Zeug und Tabak in ein grünes Blatt eingewickelt und gekaut wird. Dabei entsteht ein roter Saft im Mund, der dann ausgespuckt werden sollte. Es schmeckt scharf und reinigend. Ich breche mir dabei ein Stück von einem Zahn ab, weil die Nuss echt hart ist. Weil es nicht schmerzt, gehe ich noch nicht zum Zahnarzt. Jetzt weiß ich auch, warum viele Leute hier rote Zahnstummel im Mund haben.

Am nächsten Abend treffe ich den Gitarristen auf meinem Stadtspaziergang wieder. Er hat Saufdruck und freut sich, dass er mich gefunden hat. Früher war er mal ein erfolgreicher Gitarrenspieler, hatte ein eigenes Apartment, ein Auto und genug Geld. Heute hat er ein Bett in einer schäbigen Absteige für arme Menschen, wenn er sich die Miete für den Tag leisten kann. Bezahlt wird jeden Tag im voraus für die Nacht. Er hat eine Freundin und ein einjähriges Kind, die aber wegen seiner Alkoholsucht nicht bei ihm wohnen können. Sie leben bei ihren Eltern auf einer Insel und besuchen ihn regelmäßig in Yangon. Er hat heute noch nichts gegessen und auch noch keinen Alkohol gehabt. Also gebe ich ihm 2 Dollar, damit er morgen Essen für seine Familie kaufen kann und gehe mit ihm spazieren. In einer Bar spendiere ich ihm einen doppelten Rum, damit er ruhiger wird. Danach zeigt er mir seine Nachbarschaft der sehr armen Leute am Fluß. Hier wird auf der Straße tätowiert und es gibt ein paar kleine Buden ohne Strom mit Schnaps und sehr billigem Essen. Nach einem weiteren Rum ist er entspannt und wir können gemeinsam an einem Tisch am Fluß Reis und Gemüse essen. Er kauft auch Reis und Gemüse für seine Frau und sein Kind und bittet mich, ihn nach Hause zu begleiten. Vor dem Haus verabschiede ich mich dann aber lieber, weil ich seine Freundin nicht eifersüchtig machen möchte. Er tut mir einfach nur leid.

Weil ich Yangon eine Woche auf mein Visum für Indien warten muss, habe ich genug Zeit für lange Stadtspaziergänge, Ukulele spielen und viel Kontakt zu den Leuten. Während ich Ukulele im Park spiele, kommen ein paar Jungs und fragen, ob ich auf die andere Seite vom Fluss gehen möchte. Sie würden mir gerne alles zeigen. Wir können mit dem Boot hinüber fahren und kostet mich nichts extra. Machen sie für umsonst. Ich weiß, dass sie eine Provision vom Bootsmann bekommen und es ist bestimmt interessant auf der anderen Seite des Flusses, aber ich will nicht mitgehen. Nach kurzer Zeit kommen ein paar Touristen aus Kanada und Frankreich dazu und fragen, was sie hier unbedingt machen sollten. Also sage ich zu ihnen, dass sie mit meinen Freunden auf die andere Seite des Flusses gehen können, um den Snake – Temple zu sehen. Alle freuen sich und die Sache läuft. Nach einer Stunde kommen sie alle zurück in den Park und sind so glücklich, dass der Kanadier Getränke für alle spendiert und Kartentricks gezeigt werden.

Als ich am nächsten Tag wieder im Park zum Ukulele spielen hocke, kommen meine Bootsfreunde mit Essen für mich. Sie haben Muddi gebeten, für mich zu kochen und so gibt es hausgemachtes veganes Myanmar-Essen für mich! Alle gucken zu wie ich esse. Es schmeckt wunderbar und als ich fertig bin, wird meine Schale und mein Löffel weitergereicht zum nächsten. Nacheinander essen alle vom gleichen Geschirr, ohne abzuwaschen. Ich habe Wasser und Früchte für alle und genieße die lustige Gesellschaft. Während ich ein bisschen Ukulele spiele, nähert sich ein kleiner Junge unserer Gruppe. Ganz langsam und mit breitem Grinsen kommt der 2jährige immer näher. Nach kurzer Zeit spiele und lache ich mit ihm, während ein anderer aus der Gruppe die Ukulele spielt. Er ist total verdreckt, hat Sand auf dem Kopf und Rotze im Gesicht. Seine Mutter ist nicht zu sehen, sie kümmert sich schlecht um ihren Sohn, ist auf der anderen Seite im Park und nicht so beliebt bei meinen Freunden. Nach einer Weile kuschelt sich der Kleine in meinen Arm und sieht mich mit seinen wunderschönen braunen Augen an. Ich singe ihm das Lied: „Die Gedanken sind frei“ in Dauerschleife. Bei der dritten Runde ist er in meinen Armen eingeschlafen.

Nachdem ich mein Visum für Indien in der Tasche habe, fahre ich in den Süden des Landes. In Tathon ist gerade Pagoda Festival. Das ist der Wahnsinn. Alle Leute feiern gemeinsam in den Straßen zu lauter Musik, tragen bunte und festliche Kleidung und sammeln Spenden ein. Es gibt geschmückte Wagen mit Geldbäumen und viel Bling Bling und für gute Stimmung sorgen riesige Lautsprecherboxenwagen. Und während die Mädchen sich das Spektakel von der Seite ansehen, springen und tanzen die Jungs mit verrückten Verrenkungen zu frischen Myanmarbeats aus den riesigen Boxen. Das ist genau das Richtige für mich und macht so einen Spaß, dass ich zwei Nächte mit den Jungs in den Straßen tanze. Dabei werden Wasser und süße Getränke von außen an die Tänzer gereicht und unter allen geteilt.

Leider ist nicht alles lustig und schön in Myanmar. Das Land ist ein Vielvölkerstaat mit rund 52 Millionen Einwohnern, die 135 verschiedenen Ethnien angehören. Die am weitesten verbreitete Religion ist der Buddhismus. In Rakhaing leben 1 Mio muslimische Rohingya. Sie werden vom Staat nicht als ethnische Gruppe anerkannt, erhalten nicht die myanmarische Staatsangehörigkeit und gelten laut den Vereinten Nationen als am stärksten verfolgte Minderheit der Welt. Am 15. März 2016 wurde Htin Kyaw in einer demokratischen Wahl zum Staatspräsident gewählt und somit die jahrzehntelange Militärdiktatur beendet. Der Widerstandskämpferin Aung San Suu Kyi wurde dieses Amt verwehrt, weil sie 15 Jahre politischer Häftling war und dies eine Präsidentschaft ausschließt. Sie steht nun in zweiter Reihe und ist beratend tätig. Die junge Regierung hat keine Kontrolle über das Militär und so werden die muslimischen Rohingya weiter erschossen, gefoltert, vergewaltigt. In den letzten Wochen wurden 430 Häuser in Brand gesteckt und viele Menschen erschossen. Wer mehr darüber lesen möchte kann hier klicken:

http://www.bbc.com/news/world-asia-38091816

https://www.hrw.org/news/2016/11/13/burma-massive-destruction-rohingya-villages

Leider hat das Militär weiterhin eine starke Machtposition in Myanmar, ist am Drogengeschäft beteiligt und korrupt. Ich treffe einen Mann, der 15 Jahre inhaftiert war und nun für verschiedene internationale Organisationen und Konsulate als Informant arbeitet. Er lebt an verschiedenen Orten und hat eine kleine Familie, die er in Thailand in Sicherheit gebracht hat. Es ist interessant, von im frische Informationen zu erfahren. Scheinbar gibt es einen Plan, die Macht des Militärs zu schmälern. Ich weiß nicht, ob ich das so glauben kann und wünsche mir einfach Frieden und Gerechtigkeit für das Land und alle Menschen hier.

Weil die Regierung ein neues Gesetz erlassen hat, dass die Ein- und Ausreise neu regelt, bekomme ich nicht die Erlaubnis, auf dem Landweg nach Indien zu reisen. Also muss ich jetzt wieder zurück nach Bangkok, um von dort einen Flieger nach Kolkata zu nehmen. Ich habe die Einladung bekommen, einen Vortrag auf dem International Daughters Day im Januar zu halten und freue mich sehr darüber.




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