Vietnam

03.09.2016

Ich fahre von Laos über die Berge nach Vietnam und nehme das Transitvisum für 0 EUR, was mir ungewöhnlich schnell ausgestellt wird. Die Grenzbeamten sind sehr höflich und die Sache dauert nur 5 Minuten. Ich bin begeistert, denn ich habe interessante Geschichten von korrupten Beamten gehört. Kurz hinter der Grenze werde ich von einer Horde Bauarbeiter zum Kiffen eingeladen. Die Verrückten haben ein großes Rauchgerät dabei und arbeiten in luftiger Höhe an einer Brücke im Berg. Ich rauche nicht, aber wegen meiner Dreads wird mir oft Marihuana angeboten. Als ich mir mein Mittagessen koche, hält ein Mopedfahrer an und fragt mich, ob ich Marihuana möchte. Na das fängt ja gut an hier.

Am nächsten Tag finde ich auf der Straße einen Geldschein. Oh wie schön. Es ist nur Kleingeld, aber trotzdem halte ich an, um das Geld zu nehmen. Zwei Minuten später finde ich wieder einen Geldschein. Ui – und noch einen. Da hat jemand irgendwie Geld aus der Tasche verloren. Hm, ich finde mehr und mehr Geldscheine, und es scheint, dass der Geldverlierer genau den gleichen Weg wie ich gefahren ist. Vielleicht sehe ich ihn noch und kann ihm alles wiedergeben. Ich stoppe mein Rad wieder und wieder und finde am Ende ungefähr 60 Geldscheine. Als ich in dem nächsten Dorf ankomme, fährt gerade eine Kolonne hinter einem Hochzeitswagen hinterher und nun weiß ich auch, wo die Geldscheine herkommen. Die Leute werfen kleine Geldscheine auf die Straße, damit auch andere Leute, die das Geld dann finden, heute glücklich sind. Toll. Ich freue mich wirklich sehr und kaufe mir zur Feier des Tages von dem Geld ein Wassereis mit Orangengeschmack.

Die Märkte in Vietnam sind einfach unglaublich interessant und schön. Es gibt viel frisches Obst und Gemüse, Tofu, Nüsse, Linsen, Reis, Nudeln und Brot und sogar Margarine. Toll. Alles was ich brauche. Sachen wie schwarze Schokolade, Marmelade, Müsli habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gegessen, weil es das hier einfach nicht gibt, oder viel zu teuer für mich ist. Die Marktfrauen sind supernett und alle lachen und grinsen, wenn sie mich sehen. Es dauert auch nicht lange, und ich habe die Frauen in den Haaren. Sie glauben anfangs, dass mein Haar in dicken Strängen aus dem Kopf wächst und untersuchen kichernd meinen Kopf. Dann dauert es auch nicht lange, bis eine von ihnen triumphierend mein nachwachsendes Haar entdeckt und den anderen erklärt, dass ich das gleiche Haar habe wie sie. Ich zeige ihnen dann, wie die Dreads gerollt werden und alle machen mit. Es ist jedesmal ganz lustig, auf den Markt zu gehen.

In einer Kleinstadt sehe ich meinen ersten Hund am Spieß in einer Straßenküche. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass das hier ein Hund ist. Ich weiß, dass es keinen Unterschied macht, ob nun ein Schwein, ein Huhn oder ein Hund für Essen sterben muss, aber ich bin doch sofort sehr traurig. Auch die Schweine- und Hundetransporte hier in Vietnam sind immer wieder sehr schlimm für mich. Bei den Schweinetransporten stinkt es meistens stark und Schnauzen und Beine der erschöpften Tiere ragen aus den Wagen seitlich heraus und bei den Hundetransporten sind so derbe viele Hunde ein einem Wagen, dass sie quasi aufeinander liegen und stehen. Die, die vor Erschöpfung nicht mehr stehen können, sind hart eingequetscht und die, die noch bellen können, tun das auch. Es ist grauenhaft.

Und obwohl hier wirklich jedes Tier gegessen wird, ist es zum Glück nicht an der Tagesordnung. In den meisten Familien wird täglich hauptsächlich Reis mit Gemüse verzehrt und in den größeren Städten gibt es auch immer vegane Restaurants. In der Facebook-Gruppe Vegan Vietnam werden sogar Tipps zur Käseherstellung aus Cashewnüssen geteilt und vegane Workshops angeboten. Das ist eine gute Entwicklung, über die ich mich sehr freue.

Das Land hat viel Krieg erlebt und lebt noch immer mit den schweren Folgen. Die Wälder haben sich noch immer nicht von den Entlaubungsmitteln erholt und es verletzen sich immer noch Menschen wegen Landminen. Die Leute in Vietnam sind zielstrebig und entschlossen in allem, was sie tun. Sie lieben Karaoke, also gibt es in jedem noch so kleinen Kaff eine Karaoke – Bar, in der auch schon nachmittags gesungen wird. Und weil sie Nashornhörner gerne verzehren, haben sie die Nashörner in ihrem Land ausgerottet. Außerdem lieben sie ihre Mopeds. Praktisch jeder Vietnamese hat ein Moped und obwohl die Luft verpestet ist, wird weiter gefahren, und zwar mit Mundschutz.

Mit kräftigem Wind fahre ich nach Nim Binh, eine Stadt, von der aus viele Leute die Höhlen in dem nahegelegenen Naturschutzgebiet besuchen. Ich mag die Stadt und die Leute hier und finde ein kleines nettes Guesthouse. Im Eingangsbereich steht sogar ein Wasserspender. Toll. Ich trinke hauptsächlich Leitungswasser, aber wenn es Wasserspender gibt, nutze ich sie auch. Ich schnappe mir eine von den danebenliegenden Wasserflaschen und fülle mir Wasser ab. Weil ich nach dem Essen großen Durst habe, trinke ich 5 große Schlucke bis ich merke, dass etwas nicht stimmt. Ich rieche Benzin. Mist. In dieser Flasche hat jemand Benzin transportiert. Es schmeckt scheußlich und ich suche im Internet, ob ich jetzt sterben muss. Nachdem klar ist, dass ich wohl überleben werde, putze ich mir sehr gründlich die Zähne und kippe 1 Liter Wasser hinterher. Das Benzin schmecke ich immer noch, also gehe ich in die Straßen und kaufe mir irgendeinen Saft an einer Bude, den die Leute hier auch trinken. Der schmeckt auch nicht, aber nach ner ganzen Weile werde ich den Benzingeschmack wieder los. Ich werde von nun an keine benutzten Flaschen mehr verwenden.

Am nächsten Tag will ich eigentlich nach Hanoi fahren, aber es tobt ein Gewittersturm. Ich checke die Windrichtung und hätte sogar Rückenwind, aber der Sturm ist wirklich sehr heftig und so bleibe ich einfach noch einen Tag in Nim Binh. Als ich späten Vormittag auf die Straße gehe, um einen Stadtspaziergang zu machen, sehe ich auch, warum schon seit letzter Nacht Stromausfall ist. Der Sturm hat große Plakatwände umgeweht, Bushaltestellen zerstört, Dächer abgedeckt, viele große Bäume entwurzelt und dabei Stromkabel kaputtgerissen. Die Stromkabel sind in Vietnam überirdisch an großen Bäumen, Häusern und Masten befestigt und nun durch die umgefallenen Bäume an vielen Stellen unterbrochen. Das Regenwasser ist praktisch überall und die ganze Stadt liegt lahm. Die Leute arbeiten gegen die Wassermassen, um die Straßen wieder frei zu kriegen und das Stromnetz zu reparieren.

Je näher ich Hanoi komme, desto mehr Mopedfahrer sind um mich herum. Die Stadt ist voll mit Mopeds und an den Ampeln, die von allen befolgt werden, stehe ich mit vielen Mopedfahrern gemeinsam vor den Autos. Es macht Spaß, hier in die Stadt hineinzufahren. Einmal werde ich von zwei Mopeds während der Fahrt eingeklemmt. Ich bin froh, dass ich meine Packtaschen vorn und hinten am Rad habe, denn so sind meine Beine frei und nachdem ich laut „Ey“ rufe, lassen sie mich auch wieder los. In der Fußgängerstraße, in der sich mein Hostel befindet, werde ich von einem Mopedfahrer angefahren. Zum Glück nur an der Tasche und ich kann mich auf dem Rad halten, aber es fühlt sich nicht gut an.

Ansonsten ist Hanoi wunderschön. Eine tolle Stadt mit viel gewachsener Struktur, vielen kleinen Straßen mit schönen Häusern, vielen kleinen Läden, Märkten und Straßenbuden. Viele Menschen aus der ganzen Welt kommen hierher und die Stadt ist immer voll mit Touristen. Deswegen kommen viele Straßenhändler in die Stadt. Es sind meistens Frauen, die auf dem Land wohnen und in Hanoi zusätzlich Geld für die Familie verdienen. Sie wohnen in Hanoi in Sammelunterkünften und können im Schnitt alle 3 – 4 Wochen die Familie besuchen, um das Geld zu bringen und dann dort auch im Feld zu arbeiten und Reis zu pflanzen. Die Frauen in Vietnam sind wirklich sehr stark.

Für mich geht’s jetzt weiter nach China. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt, weil es nicht so einfach war, das Visum für China zu bekommen und ich hoffe, daß die Chinesen mich auch hineinlassen.




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