Indien 2017

Von Kolkata nach Amritsar

19.03.2017

Ich bin also wieder in Indien. Ich erreiche Kolkata mit dem Flieger von Bangkok und bin erstmal pleite. Der Premierminister Narender Modi hat Geldscheine aus dem Verkehr gezogen und damit das Bankensystem lahmgelegt. Ich kann meine Kreditkarte nicht im ATM benutzen und tausche meine letzten 20 Dollar, die ich in Bar dabei habe in 1.000 Rupees. Damit muss ich die nächsten 1.800 km reisen, denn ich bin in Dhuri zum World Daughters Day eingeladen und dort gibt es Hilfe für mich. Also mache ich mich auf den Weg von Kolkata nach Dhuri mit Taschengeld für Essen. Für eine Unterkunft, Sim-Card oder Trinkwasser reicht das Geld nicht.

Der Weg ist interessant und schön. Ich fahre an vielen Lehmhütten vorbei, durch kleine und größere Dörfer und Städte und erlebe jeden Tag 100 km Indien pur. Weil Du in Indien nie allein bist, ist ein Schlafplatz auf dem Feld nicht unbeobachtet und in den Wäldern gibt es giftige und gefährliche Tiere . Weil ich nicht unbedingt im Schlafzimmer eines Tigers übernachten möchte, übernachte ich an Tankstellen und in Restaurants am Wegesrand. Dort gibt es auch immer einen kleinen Waschraum, in dem ich mich waschen und auch Trinkwasser zapfen kann.

Viele Menschen sind interessiert und nett, viele Menschen schenken mir Essen oder Geld. Manche Menschen berühren meine Füße aus Respekt und nennen mich Baba Ji, was ein Ausdruck für einen heiligen Menschen ist. Ich segne sie dann und wünsche ihnen ein langes und glückliches Leben. Sie freuen sich über meinen Segen und ich freue mich über den Respekt, den sie mir entgegenbringen. So sind alle glücklich und der Segen funktioniert. Manche Menschen rufen mich „Hello Mister“ oder fragen mich: „Are you female?“, weil sie nicht glauben können, dass eine Frau Fahrrad fahren kann. Aber jeder kann alles tun, ungeachtet Hautfarbe, Geschlecht oder Alter. Es hängt von Deinem Mindset ab.

In Varanasi besuche ich das Ghat, in dem die Leichenverbrennungen der Hindus stattfinden. Die Leute bringen ihre toten Angehörigen auf Bambusleitern mit heiligen Gesängen hierher, geben ihnen die letzte Waschung im heiligen Ganges, geben ihnen das letzte heilige Wasser zu trinken und verabschieden sich liebevoll von ihnen. Die Toten sind in Leichentücher gehüllt und manchmal ist das Gesicht offen. Ich sehe das erste Mal in meinem Leben einem Toten ins Gesicht. Nach der Verbrennung wird die Asche von verschiedenen Leuten nach Gold durchsucht, bevor sie in den heiligen Fluß übergeben wird. Die Bambusleitern werden von den Glitzertüchern befreit und zu Eislöffeln weiterverarbeitet. Die Tücher und alle brauchbaren Klamotten werden eingesammelt und wieder verkauft. Nebenan im Hostel warten arme, alte und kranke Menschen auf den Tod, um hier verbrannt zu werden.

Weil ich keinen Strom und kein Internet habe, kann ich auch keine Freunde kontakten, die in Indien oder in der Welt leben. Aber ich weiß, dass es in Agra einen Fahrradladen gibt, in dem Freunde vom Agra Cycling Club arbeiten. 5 Männer vom Club sind im August für Organ Donation von Kanyakumari nach Leh gefahren. Das ist gute Arbeit und dafür möchte ich gerne mein Herz spenden. Also ist Agra mein erstes Ziel nach ca 1.000 km. Ich freue mich sehr, meine Freunde über den Fahrradladen zu finden und wir haben eine kurze und gute Zeit in Agra. Gemeinsam machen wir eine kleine Pressekonferenz für Organ Donation und Vegan World Friendship, sie organisieren mir einen Raum für eine Nacht und wir machen eine schöne Ausfahrt.

In Dhuri bin ich von der NGO Mfws-Privartan Dhuri zum World Daughters Day eingeladen. Ein ganz wunderbarer Tag, an dem viele erfolgreiche Frauen und Mädchen geehrt werden. Die NGO kämpft für Frauenrechte in Indien und arbeitet mit vielen Schulen zusammen, um Informationen zu Frauenrechten, Aufklärung, Drogen und mehr mit den Schülern zu teilen. Außerdem werden Umweltschutzaktionen mit den Schülern gemacht und Streetart zum Thema Umweltschutz und Frauenrechten auf freien Flächen angebracht. Ein starkes Team von vielen Mitgliedern aus mehreren Staaten Indiens arbeitet ehrenamtlich in dieser NGO.

Auf der Weiterfahrt nach Amritsar habe ich einen kleinen Unfall und breche mir meinen Arm. Zum Glück ist mein Freund Sukhdarshan aus Ludhiana in meiner Nähe und bringt mich zum Knochendoktor. Der Arm wird für 4 Wochen stillgelegt und ich darf nicht radfahren. Also bleibe ich in Mr. Sukhdarshans Haus in einem winzigen Dorf mit 7 Häusern. Seine Familie ist sehr nett und wir haben ne Menge Spaß zusammen. Die freche Nachbarschaft kommt jeden Tag ungefragt zu Besuch und ich habe nun einen Punjabi – Lehrer, der ein 10jähriger Junge ist, um diese wunderbare Sprache zu lernen. Ich nutze die Zeit, um viele Schulen zu besuchen und Informationen über den Zusammenhang von Global Business, Menschenrechte, Tierrechte und Umweltschutz mit den Schülern zu teilen.

In Ludhiana treffe ich den Nationaltrainer für Athletik Mr. Sukdev Singh im Guru Nanak Stadium zum Lauftraining. Während wir über Sporttraining und Ernährung reden, treffen nach und nach seine Sportler ein und jeder von ihnen berührt zur Begrüßung aus Respekt seine Waden. Er ist seit Jahren Nationaltrainer und hat mit seinem Team internationale Erfolge überall in der Welt gemacht. Wir reden auch über mein Projekt und er erklärt mir, dass er Veggie ist, weil wir nicht das Recht haben, über Leben und Tod zu entscheiden und es falsch ist, Tiere zu töten.

Als ich wieder fit bin, fahre ich erst einmal nach Amritsar zum Goldenen Tempel der Sikh und bedanke mich bei Gott, dass ich 30.000 km überlebt habe. Ein Sikhtempel, genannt Gurudwara ist ein kraftvoller Ort der Ruhe und Bescheidenheit. Die Sikh glauben, dass wir alle gleich sind und mit Langar, der kostenlosen Speise, die auf dem Boden in einer Reihe ausgeteilt wird, werden alle gleich gemacht. Die Speise ist für alle Menschen ungeachtet Religion, Hautfarbe oder sozialem Status und in diesem Moment, wenn viele in einer Reihe gemeinsam essen, sind alle Menschen gleich.

In der Guru Kashi Universität halte ich nicht nur Vorträge zum Thema Global Business und Menschenrechte, sondern gebe auch eine Pressekonferenz und nehme am Gatka – Event for Men and Women teil. Gatka ist Sikh Martial Art. Die Kämpfer tragen traditionelle Kleidung in vorwiegend orange und blau und zeigen Kämpfe mit Schwertern, Äxten, Messern und anderen traditionellen Waffen der Sikh. Die Waffen sind echt und werden auch beim Training verwendet.

Ich nehme am Training des erfolgreichen Trainers Mr. Balwinder Singh in Hambra teil und lerne, dass schon die kleinsten Kämpfer ab 4 Jahren beim Training echte Messer und Schwerter verwenden. Es ist spannend zu sehen, wie die Schüler mit den Schwertern springen und herumwirbeln und miteinander üben. Wenn die Schwerter auf die Schilde klirren, ist das sehr beeindruckend, wenn die Kämpfer nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder sind. Das Team von Mr. Balwinder Singh ist international erfolgreich und hat schon viele Preise gewonnen. Ich mag Gatka sehr, denn es gibt den Menschen nicht nur Fitness, sondern auch Selbstbewusstsein, Kontrolle über Körper und Geist und lehrt Geduld und Gerechtigkeit.




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